Spuren aus Licht

Das Künstlerduo Luftwerk im Porträt: Eine außergewöhnliche Perspektive

Licht schafft Tiefe, Licht bildet Fläche. Licht erzeugt Harmonie und es provoziert Dissonanz. Immer ist Licht vergänglich und doch taucht es stets wieder aus dem Schatten heraus. Wer in ihm mehr begreift als ein pures Instrument der Beleuchtung, erkennt, wie Petra Bachmaier und Sean Gallero aus Chicago, dass Licht ein höchst kommunikatives Medium ist.

Licht ist Kern ihrer Arbeit und Farbe der Schlüssel, beschreiben sich Petra Bachmaier und Sean Gallero. Sie studierte an der Hamburger Hochschule für bildende Künste (MA), verbrachte ein Austauschsemester an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam und absolvierte später einen Bachelor of Arts an der School of the Art Institute of Chicago (SAIC). Er lernte Kunst und Geisteswissenschaften am Lehman College in New York und führte sein Studium ebenso an der SAIC fort – wo sie sich schließlich trafen und seit 2000 kollaborierten. 2007 gründeten beide Luftwerk, ihr gemeinsames Studio, mit dem sie seither zahlreiche Projekte von ortsspezifischen Installationen bis hin zu experimentellen Konzepten erarbeiteten.

International auf sich aufmerksam machten die ursprüngliche Münchnerin und der gebürtige New Yorker im vergangenen Jahr mit dem Projekt Geometry of Light. In Kollaboration mit dem Architekten Iker Gil tauchten sie dafür im Februar 2019 den Barcelona-Pavillon, den Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich einst anlässlich der Weltausstellung 1929 gestalteten, in ein Gitternetz aus roten Laserstrahlen. Komplettiert wurde die Installation durch eine Klangkomposition von Oriol Tarragó. „Diese Intervention aus projiziertem Licht und Ton belebt und verändert unsere Wahrnehmung von den wesentlichen Elementen des Pavillons“, heißt es in der Ausstellungsbeschreibung. Betont würden der offene Grundriss sowie die Materialauswahl. Geometry of Light verstärke „die Illusion von physikalischen und materiellen Grenzen.“ Tatsächlich fließen die Räume dieses Baus ohnehin: So sind die Glaswände, gerahmt von einer Stahlskelettkonstruktion, nur die Andeutung einer Begrenzung. Travertin erstreckt sich von innen nach außen. Wände aus grünem Marmor verleihen dem Bau seine einzigartige Eleganz. Letztendlich beeinflusst ihre Installation nicht allein die Wahrnehmung von dem Gebäude, sondern auch die Bewegung, den Umgang der Besucher in ihm – alles wirkt ein wenig bedächtiger.

Einen zweiten Auftritt für Geometry of Light gab es daraufhin im Herbst im berühmten Farnsworth House in Plano (Illinois, USA). Nach demselben Prinzip wurde auch dieses Bauwerk von Ludwig Mies van der Rohe unter Einsatz von roten Linien und Klang inszeniert. Stärker aber als in Barcelona, sollten hier die besondere Lage am Fox River, die Topografie des Ortes sowie die enge Beziehung zwischen dem Haus und den ringsum stehenden Bäumen mit einbezogen werden. Diesen Zusammenhang aus gestalterischer Komposition, Szenerie und Interaktion des Menschen mit einem Ort erfahrbar zu machen, haben sich Luftwerk zur Aufgabe gemacht.

Nicht Architektur, sondern öffentlicher Raum war 2012 Spielort für die Installation Luminous Fields. Zehn Tage lang hüllten sie dafür die Fläche ringsum Anish Kapoors Skulptur Cloud Gate im Millennium Garden in Chicago in ein bewegtes, farbiges Mosaik. Ihre Video-Sound-Installation veränderte die Szenerie, Besucher begannen, spielerisch mit der Installation in Aktion zu treten. Mit Linear Sky, einer permanenten Lichtinstallation im Eingang des 21c Kansas City, einem Hybridkonzept aus Kunstmuseum, Hotel und Restaurant, erzeugen Petra Bachmaier und Sean Gallero unterdessen eine optische Illusion. Unterschiedlich lange Lichtstreifen entlang der Wände geben dem Korridor eine surreale Tiefenwirkung, die den tatsächlichen Fluchtpunkt imaginär auflöst. Von innen nach außen bilden die Streifen einen sanften Farbverlauf und je nach Tageszeit passt sich das Licht farblich an die Umgebung an.

Aktuell erarbeiten Luftwerk eine permanente Installation für die Fulton Central Public Library in Atlanta, die ab Sommer 2020 zu sehen sein wird. Für Tree of Light ließen sich Petra Bachmaier und Sean Gallero von der „heavy lightness“, der schweren Leichtigkeit inspirieren, die der Architekturhistoriker Barry Bergdoll in Marcel Breuers Werk beschreibt. „Tree of Light verwandelt die Central Library of Atlanta des berühmten Architekten in ein farbenprächtiges Feuerwerk aus Licht und Gedanken“, erklärt das Duo sein Konzept. „Eine Skulptur aus textbeschrifteten verspiegelten Platten, die wie die Blätter eines Baumes angeordnet sind, lässt Tree of Light, wenn beleuchtet, zu einem sich ständig weiterentwickelnden Gedicht werden, das miteinander verbundene Ideen ausdrückt.“ Man darf gespannt sein, wie – vielleicht versöhnlich – sich ihre Poesie in Breuers massivem Baukörper widerspiegelt, welcher aktuell umstrittenen Umbaumaßnahmen unterzogen wird.

Autor: Markus Hieke